Freiheit zur Anbetung (Teil 1)

Derek Prince
*First Published: 1995
*Last Updated: Mai 2026
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„Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.“ (Joh. 4,23)
Nein – vielmehr sehnt sich sein väterliches Herz danach, sich denen, die er geschaffen hat, in all seiner Herrlichkeit zu offenbaren. Das ist der größte Segen, den er uns zuteil werden lassen kann.
Die Offenbarung Gottes kommt zuallererst durch sein kostbares Wort – die Bibel. „Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ (Joh. 14,23). Indem wir Gottes Wort empfangen und befolgen, nehmen sowohl Gott der Vater als auch Gott der Sohn bei uns Einzug.
Dies wiederum treibt uns dazu, den Gott, den wir angenommen haben, anzubeten. Je besser wir Gott durch sein Wort kennen lernen, desto mehr sehnen wir uns danach, ihn anzubeten. Der Stellenwert, den Gottes Wort in unserem Leben einnimmt, lässt sich erkennen an dem Ausmaß unseres Verlangens, ihn anzubeten.
Zunächst müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Anbetung weder aus dem Singen frommer Lieder oder Choräle, noch aus dem Hören geistlicher Musik und nicht einmal dem Gebet besteht – obwohl all diese Aktivitäten durchaus legitim sind und uns in die Anbetung führen können bzw. sollen.
Noch viel wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass Anbetung nicht eine Art „geistlicher“ Unterhaltung darstellt. Bei der Anbetung konzentrieren wir uns nicht auf uns selbst oder auf unsere Erlebnisse, sondern auf Gott. Anbetung bedeutet direkte, intime, persönliche Beziehung zu unserem Schöpfer. Dies ist die höchste Ausdrucksweise, zu der der menschliche Geist fähig ist, aber sie umfasst nicht nur den Geist, sondern den gesamten Bereich unserer menschlichen Persönlichkeit.
Es ist auch ein Irrtum, unter Anbetung etwas zu verstehen, das „man“ nur innerhalb der Gemeinde oder in der Öffentlichkeit „tut“. Anbetung sollte vielmehr der Höhepunkt unserer persönlichen Hingebung sein. Im ursprünglichen Sinne des Wortes stellt „Hingebung“ nämlich „einen Akt der Anbetung“ dar. Wenn wir Gott nur öffentlich innerhalb der Gemeinde anbeten, wird unsere Anbetung irgendwie immer etwas „Gekünsteltes“ an sich haben – sie wird nicht mehr als eine religiöse „Show“ sein, die wir in Gegenwart anderer „abziehen“.
Andererseits jedoch kann die gemeinsame Anbetung innerhalb des Gottesdienstes jedem Einzelnen ein höheres, tiefergreifendes Bewusstsein von Gott und seiner Herrlichkeit vermitteln als dies in der individuellen Andacht allein je möglich wäre.
Unglücklicherweise hat sich das christliche Verständnis von Anbetung im Laufe der Jahrhunderte sehr weit vom biblischen Vorbild entfernt. Ich habe alle wesentlichen Wörter untersucht, die in der Bibel für „Anbetung“ benutzt werden, und bin dabei zu einem aufregenden und revolutionären Schluss gekommen: Jedes Wort, das die Bibel für Anbetung verwendet – sowohl im Alten als auch im Neuen Testament – beschreibt eine bestimmte Körperhaltung! Wir werden diese verschiedenen Positionen näher erläutern, indem wir mit dem Kopf anfangen und uns von dort fortlaufend nach unten bewegen.
Das Verneigen hat in diesem Zusammenhang eine wesentliche Bedeutung. Als Abrahams Diener auf der Suche nach einer Braut für den Sohn seines Herrn erkannte, dass Gott ihn zu der Familie von Abrahams Bruder geführt hatte, „verneigte sich der Mann und warf sich nieder vor dem HERRN …“ (1. Mose 24,26).
Als Mose und Aaron den Ältesten Israels in Ägypten berichteten, dass Gott versprochen hatte, sie von ihrer Sklaverei zu befreien, war ihre Reaktion genau die gleiche: „… da warfen sie sich nieder und beteten an.“ (2. Mose 4,31)
Unsere Hände spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle bei unserer Anbetung. Psalm 63,5 beschreibt, wie David auf die Barmherzigkeit Gottes reagiert hat:
„So werde ich dich preisen während meines Lebens,
meine Hände in deinem Namen aufheben.“
In Psalm 141,2 beschreibt David eine ähnliche Anbetungsweise:
„Lass als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet,
das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend.“
In Psalm 143,6 beschreibt David eine andere Position seiner Hände, die seine Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck bringt:
„Zu dir breite ich meine Hände aus.
Gleich einem lechzenden Land schmachtet meine Seele nach dir!“
Durch das Aufheben unserer Hände erkennen wir Gottes Majestät an. Mit dem Ausbreiten unserer Hände geben wir zu verstehen, dass wir von Gott empfangen wollen.
Die Betenden Hände von Albrecht Dürer sind wohl die am meisten bekannte künstlerische Darstellung des Gebets, wobei es sich hier vielleicht eher um ein Flehen zu Gott als um eine Anbetung handelt. Auf jeden Fall ist es bemerkenswert, dass Dürer dabei sein Hauptaugenmerk weder auf die Lippen noch auf das Gesicht der betenden Person richtet, sondern auf die Hände.
Eine weitere Art und Weise, unsere Hände zu benutzen, wird in Psalm 47,2-3 beschrieben:
„Ihr Völker alle, klatscht in die Hände!
Indem wir in die Hände klatschen, erkennen wir die ehrfurchtgebietende Majestät unseres großen Königs an. Indem wir Jauchzen mit fröhlichem Schall hinzufügen, proklamieren wir damit seinen vollkommenen Sieg. Ich habe mehrmals an Versammlungen teilgenommen, wo etwas gesagt oder getan wurde, das eine Reaktion wie Händeklatschen oder Jauchzen hervorgerufen hat. Wahrscheinlich waren sich die Personen, die auf diese Weise reagiert haben, gar nicht bewusst, dass es sich dabei um eine biblische Anbetungsweise handelt.
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch hinzufügen, dass jauchzen hier nicht etwa lautes Singen bedeutet, sondern vielmehr, dass damit ein Schreien mit dem vollen Einsatz unserer Lungen gemeint ist.
Als Salomo den Tempel einweihte, den er zur Ehre Gottes hatte bauen lassen, breitete er seine Hände aus. Er ging sogar noch einen Schritt weiter: Er kniete nieder (2. Chr. 6,12-13). Diese Form der Anbetung ist ein Ausdruck der völligen Unterordnung gegenüber Gott.
In Epheser 3,14 sagt Paulus, dass er ebenfalls diese Position einnahm, wenn er sich Gott näherte: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,…“
Letztendlich wird das gesamte Universum sich dem Schöpfer in dieser Weise unterordnen. In Jesaja 45,23 erklärt der Herr: „Ich habe bei mir selbst geschworen, … Ja, jedes Knie wird sich vor mir beugen,…“. Paulus sagt in Philipper 2,10, dass dieser Akt der Unterwerfung ganz konkret Jesus gegenüber, der von Gott als Herrscher eingesetzt worden ist, zum Ausdruck gebracht wird: „damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge,…“
Es gibt noch eine weitere Anbetungsform, die den ganzen Körper mit einschließt und die in der Bibel am häufigsten erwähnt wird: Die Form der Anbetung, bei der man vor dem Herrn auf sein Angesicht fällt. Indem wir uns vor Gott flach auf dem Boden ausstrecken, bekennen wir unsere völlige Abhängigkeit ihm gegenüber. Damit sagen wir uns los von dem Verlangen, von ihm unabhängig zu sein, was zu dem ursprünglichen Ungehorsam von Adam und Eva führte und seitdem charakteristisch ist für die gefallene Nature jedes ihrer Nachkommen.
In 1. Mose 17 heißt es zweimal, dass Abraham vor Gott auf sein Angesicht fiel (Vers 3 bzw. Vers 17)
Als sich der Herr Josua vor den Toren Jerichos als der Befehlshaber der Armee Gottes zeigte, fiel (Josua) auf sein Angesicht zur Erde nieder. Danach wurde ihm befohlen, seine Schuhe von seinen Füßen zu ziehen (Josua 5,13-15). Beide Handlungen – vor Gott auf sein Angesicht zu fallen sowie seine Schuhe auszuziehen – waren ein Ausdruck der Anbetung. Während sich Josua in dieser Position der Anbetung befand, erhielt er die Anweisungen Gottes zur Einnahme Jerichos. Irgendwann einmal befanden sich die meisten der großen Männer in der Bibel flach auf ihrem Angesicht vor Gott.
Die außergewöhnlichste Form der Anbetung – gemessen an unserer heutigen Vorstellungsweise – ist jedoch in 2. Sam. 6,12-14 beschrieben. Als es David gelungen war, die Bundeslade nach Jerusalem hinauf zu bringen, tanzte er mit aller Macht vor dem Herrn her. Da David ein äußerst tapferer Mann war, bedeutet der Ausdruck „mit aller Macht“ sicherlich, dass damit eine ausgesprochen kraftvolle Handlung gemeint sein muss, an der jeder Teil seines Körpers beteiligt war. Auf diese Weise konnte er seine überschwängliche Freude und Dankbarkeit Gott gegenüber am besten zum Ausdruck bringen.
Das Kapitel endet mit einer Warnung an jeden, der versucht sein könnte, auf eine derart kraftvolle Form der Anbetung negativ zu reagieren. Genau so reagierte nämlich Davids Ehefrau Michal auf diese Ausdrucksweise ihres Mannes, was zur Folge hatte, dass sie ihm keine Kinder gebären konnte. Wenn man auf „fleischliche“ Weise Kritik übt, kann dies eine „Unfruchtbarkeit des Geistes“ hervorbringen.
Ich habe zwar vorhin gesagt, dass das Singen allein keine Handlung der Anbetung darstellt, aber diese Aussage bedarf einer weiteren Erklärung. In manchen Fällen kann Singen in Anbetung übergehen, ohne dass man sich dessen eigentlich bewusst wird. Andererseits kann aber auch das Händeklatschen und Tanzen ebenso ein Ausdruck der Danksagung wie der Anbetung sein. Die menschliche Sprache ist nicht einfühlsam genug, um die Grenze zwischen den verschiedenen Formen von Anbetung und Lobpreis exakt zu markieren.
Warum der Körper?
Vielleicht stellen wir uns die Frage: Warum spielt der Körper so eine wichtige Rolle in unserer Anbetung? Schließlich hat Jesus gesagt, dass wir im Geist und in der Wahrheit anbeten sollen (Joh. 4,24). Die Antwort auf diese Frage finden wir, wenn wir die Verbindung zwischen Geist, Seele und Körper – d.h., den drei Bereichen, die unsere menschliche Persönlichkeit ausmachen – erkennen können (siehe Thess. 5,23).
Der Geist ist derjenige Teil unserer Persönlichkeit, der direkten Kontakt mit Gott aufnehmen kann (siehe 1. Kor. 6,17). Der Geist ist jedoch auf die Mitarbeit der Seele angewiesen, um sich Ausdruck zu verleihen. Die Seele ist der Teil, durch den unser Wille zum Ausdruck kommt, d.h., sie trifft Entscheidungen für die gesamte Person und setzt dann ihrerseits den Köper in Bewegung.
Das wird durch die Worte Davids in Psalm 103,1 veranschaulicht: „Preise den HERRN, meine Seele …“ David fühlte sich in seinem Geist dazu bewegt, den Herrn zu loben und ermutigte daher seine Seele, die entsprechende Entscheidung zu treffen. Seine Seele wiederum musste den Körper in Bewegung setzen – vor allem seine Stimmbänder – um somit dem von seinem Geist ersehnten Lobpreis Ausdruck zu geben.
In diesem Licht betrachtet, stellt Anbetung also eine Tätigkeit dar, bei der der Geist die Seele in Anspruch nimmt, um entsprechende Handlungen des Körpers herbeizuführen. Wenn die Seele oder der Körper nicht auf das Drängen des Geistes hin reagieren, dann funktioniert der Körper praktisch wie ein Kerker, der den Geist gefangen hält und ihn davon abhält, sich frei zu entfalten. Menschen in diesem Zustand – d.h., „Geister“, die in Körpern gefangen gehalten werden, durch die sie sich nicht frei entfalten können – finden wir heutzutage in der Gemeinde sehr häufig. Ihre körperliche Aktivität ist auf ein paar routinehafte Bewegungen beschränkt. Sie betreten die Kirche, nehmen Platz, stehen auf, setzen sich, stehen auf und verlassen die Kirche wieder. Das hat zur Folge, dass sie an der höchsten Tätigkeit, zu der ihr Geist fähig ist – nämlich der ungehemmten Anbetung des Schöpfers – fast überhaupt nicht teilnehmen.
Man kann jedoch auch einen Fehler in die entgegengesetzte Richtung machen: Die Seele und der Körper können sich rein äußerlich in der Anbetung befinden, ohne dass der Geist dabei der Urheber ist oder sonst daran beteiligt ist. In diesem Fall handelt es sich um bloße religiöse Aktivität, die nichts mit wahrer Anbetung zu tun hat. Das biblische Muster der Anbetung setzt die harmonische Wechselwirkung aller drei Teile – Geist, Seele und Körper – voraus, wobei die Initiative dem Heiligen Geist vorbehalten ist. Freiheit im wahrsten Sinne des Wortes besteht nämlich aus eben diesem Zusammenspiel all unserer Fähigkeiten.
Ein Geist der Steifheit
Vor kurzem ist mir etwas widerfahren, was meiner Meinung nach eine Art „Gleichnis“ für diese Situation darstellt. Ich befand mich mit einer Gruppe von Christen im Gebet und wartete auf Gottes Antwort, als sich plötzlich – unabhängig von meinem eigenen Willen – meine Hände in die Luft erhoben und mein Körper für einen Moment mit krampfartigen Zuckungen reagierte. Diese „unfreiwillige“ Reaktion meinerseits war mir peinlich und ich fragte mich, was wohl die Leute um mich herum denken mochten. Aber dann stellte ich mir selbst die Frage: „Was ist wichtiger: Was andere denken, oder was Gott für mich tun will?“ Ich traf die Entscheidung, Gott vorbehaltlos gewähren zu lassen. Die Mehrzahl der Leute um mich herum waren ohnehin selbst zu sehr mit Gott beschäftigt, um zu bemerken, was mit mir geschah.
Die krampfhaften Zuckungen hielten für ein paar Minuten an, und dann entspannten sich die Muskeln in meinem Köper wieder. Gott gab mir zu verstehen, dass ich von einem Geist der „Steifheit“ (von dessen Existenz ich bis dahin keine Ahnung hatte) befreit worden war. Er zeigte mir auch, wann und wie dieser Geist Zugang zu mir gefunden hatte. Ich wurde 1915 in Indien geboren, zu einer Zeit, in der Krankenhäuser noch recht primitiv ausgestattet waren. Der einheimische Arzt entdeckte innerhalb kurzer Zeit, dass meine Beine nicht gleich lang waren. Er ordnete an, dass eines meiner Beine geschient werden und ich danach mehrere Monate lang in der Rückenlage verbleiben musste. Von diesem Zeitpunkt an war es mir unmöglich, einige ganz normale, körperliche Bewegungen auszuführen. Seit meiner Befreiung kann ich mich jedoch völlig ungehindert bewegen.
Der Gedanke, dass ein Geist der Steifheit meine körperliche Bewegungsfreiheit über 79 Jahre hinweg eingeschränkt hatte – ungeachtet der zahlreichen körperlichen und geistlichen Segnungen, die ich über die Jahre hinweg erfahren habe hatte eine sehr ernüchternde Wirkung auf mich.
Ich bin davon überzeugt, dass die christliche Kirche im Lauf der Jahrhunderte genau die gleiche Erfahrung gemacht hat. Ein großer Teil der Kirche ist von einem Geist der „Steifheit“ durchdrungen, der Christen davon abhält, die Freiheit und die überschäumende Freude zu genießen, die Gott seinem Volk in der Anbetung schenken möchte. Aus diesem Grund sind unsere Formen der Anbetung oft weit entfernt von den Beispielen, die in der Bibel so ausführlich beschrieben werden.
Was ist die Lösung? Als erstes müssen wir zu dem biblischen Modell zurückkehren und die Anbetung in ihrem vollen Umfang, so wie sie Gott gebührt, verstehen. Dann müssen wir unsere Seele dazu anhalten, auf die Stimme unseres Geistes zu reagieren und unsere Körper für alle entsprechenden Ausdrucksweisen freizusetzen. In vielen Fällen wird dies vielleicht irgendeine Form der geistlichen Befreiung erforderlich machen.
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